Erasmus+ in Verbindung mit COVID-19 #WeStandTogehter

Offener Brief der NA Direktoren Bildung an die Europäische Kommission.
April 2020

Einführung
In einer Zeit, in der die Welt sich gewaltigen Herausforderungen durch den Ausbruch von COVID-19 gegenübersieht, stellen bereits Solidarität und interstaatliche Kooperationen selbst Herausforderungen dar. Aber das ist ein Kampf, den wir nur gewinnen können, wenn wir zusammenarbeiten, durch transnationale Kooperation.

Die Europäische Kommission tut, was sie kann, um die EU-Mitgliedstaaten zu unterstützen und Unterstützung in jeder möglichen Art und Weise anzubieten. Der Fokus liegt derzeit auf der direkten Notfallsituation und ihren Auswirkungen auf die europäischen Bürger, in allen Aspekten ihres Lebens.
Zeitgleich müssen wir bereits jetzt über die nächste Phase nachdenken, über den Wiederaufbau unserer sozialen und wirtschaftlichen Strukturen, die von der Corona-Krise betroffen sind. Als Direktoren der Nationalagenturen Erasmus+ Bildung glauben wir fest daran, dass das Programm Erasmus+, schon seinem Kern nach ein Programm, das transnationale Kooperation fördert, zum Wiederaufbau auf vielerlei Art und Weise beitragen kann.

Das aktuelle Programm Erasmus+
Erasmus+ ist das europäische Flaggschiffprogramm in den Bereichen Bildung, Jugend und Sport. Bis Ende 2020 wird das Programm seit 1987 mehr als 10 Millionen Europäern Gelegenheiten für Bildungsmobilitäten eröffnet haben.

Aber das Erasmus+ Programm ist mehr als die Mobilität von Lernenden (jeden Alters), Lehrern und Personal. Es gibt Einrichtungen im Bereich der Bildung in Europa und der Welt auch die Möglichkeit, in transnationalen Partnerschaften zu arbeiten und Ideen, Methoden und gute Praktiken auszutauschen.

Studien und Evaluationen haben gezeigt, dass das Programm von den europäischen Bürgern sehr geschätzt wird. Erasmus+ hat einen nachgewiesenen Einfluss auf die persönliche und professionelle Entwicklung der Teilnehmer und auf die Qualität der Bildung, die von den Einrichtungen aller Sektoren angeboten wird – von Schulbildung über berufliche Bildung bis hin zu Hochschul- und Erwachsenenbildung.

Das zukünftige Erasmus+ Programm
Zu einem späteren Zeitpunkt in diesem Jahr werden Entscheidungen hinsichtlich der EU-Prioritäten und Aktionsfelder für die Periode 2021-2027 und für den mehrjährigen Finanzrahmen, in welchem Gelder für diese Prioritäten und Aktionen bereitgestellt werden, getroffen werden müssen. Uns ist vollkommen bewusst, dass die Corona-Krise diese Entscheidungen maßgeblich mitbeeinflussen wird. Die Herausforderungen, mit denen diese Krise uns konfrontiert, werden ein zentrales Element der Verhandlungen sein.

Aus diesem Grund möchten wir gerne einige Gedanken teilen, wie das zukünftige Erasmus+ Programm dazu beitragen kann, diesen Herausforderungen zu begegnen.

  • Wir brauchen Kooperation und gegenseitiges Lernen. Der wirtschaftliche Einfluss der CoronaKrise wird für viele Menschen und für eine lange Zeit spürbar sein. Arbeitslosigkeit wird zunehmen. Die Kluft zwischen jenen, die immer noch ein gutes Einkommen haben, und jenen, die sich schmerzlichen finanziellen Einschränkungen gegenübersehen werden, wird sich vergrößern. Aber wir können große Teil der Gesellschaft nicht einfach abschreiben. Wir müssen die Leute mit Kompetenzen befähigen, die für eine wirtschaftliche Erholung erforderlich sind. Das liegt nicht nur in ihrem persönlichen Interesse, sondern auch im Interesse von ganz Europa. Dazu ist es nötig, in Bildung zu investieren und sich mit den Bedürfnissen nicht nur für die nähere Zukunft, sondern sicherlich auch für spätere Jahre,
    auseinanderzusetzen. Das ist die Stärke von Erasmus+: Es bietet Möglichkeiten und ein gewaltiges Netzwerk für gegenseitiges Lernen zwischen Teilnehmern, Organisationen, Sektoren und Ländern. Darüber hinaus können Strategische Partnerschaften unter Erasmus+ ein Beschleuniger für die Entwicklung und Implementierung neuer Erkenntnisse, Methoden und Technologien sein.

  • Wir müssen das europäische Gefühl der Zugehörigkeit wiederbeleben. Die Corona-Krise wird auch die Solidarität zwischen europäischen Nationen und Bürgern auf die Probe stellen. Kein Land kann diese Krise allein bewältigen. Wir müssen Wege finden, um die Bindung zwischen europäischen Bürgern zu stärken und ein Gefühl der Zugehörigkeit erschaffen in einer Welt, in der die Menschen sich verwundbarer fühlen als in Jahrzehnten. Erasmus+ bietet seinem Wesen nach Möglichkeiten, um Menschen und Organisationen in ganz Europa zu verbinden. Es ist ein starkes Werkzeug, um einen europäischen Geist und ein Gefühl der
    Zugehörigkeit (erneut) zu erschaffen und zu unterstützen und um diese Solidarität und Kooperation tatsächlich zu leben.

  • Wir müssen von neuen Bildungsinitiativen und –experimenten lernen. Während der Krise hat die Welt der Bildung eine dramatische Unterbrechung erlebt und zeitgleich einen digitalen Sprung, eine Explosion neuer und kreativer Arten des Lernens und Lehrens. Das hat ein großes Potential freigesetzt, Digitalisierung in Bildung zu nutzen und Techniken des BlendedLearning (eine Kombination aus unterschiedlichen Formen des Lernens, Anm. d. Ü.) und der virtuellen Kooperation für die Zukunft zu übernehmen. Aber um dieses Potential voll ausreizen zu können und die erwünschte Bildungsqualität aufrechterhalten zu können, ist es
    wichtig, aus den aktuellen Erfahrungen zu lernen. Erasmus+ bietet Gelegenheiten, diese Erfahrungen zusammenzubringen und einen gemeinsamen Fundus guter Praktiken und effektiver Methoden zu erschaffen. Existierende Optionen von Blended-Learning und virtuellen Plattformen sollten erweitert werden. Dieser Ansatz ist hochrelevant für verletzliche Gruppen der Gesellschaft, die aufgrund eines Mangels an Zugang zu diesen neuen Bildungsformen ausgeschlossen werden könnten.

  • Wir müssen uns weiterhin von Angesicht zu Angesicht sehen. Albert Einstein sagte einmal:
    „Lernen ist Erfahrung. Alles andere ist einfach nur Information.“ Auch wenn virtuelles Lernen neue Ansätze ermöglichen wird, die Notwendigkeit, von Angesicht zu Angesicht zu lernen, zu unterrichten und zu kooperieren verschwindet nicht. Online-Bildung bietet Gelegenheiten, Wissen zu erlangen, kann aber die Erfahrung nicht ersetzen, interpersonelle, interkulturelle und internationale Kompetenzen zu erlernen, die nur erreicht werden können, indem man sich in eine andere Umwelt begibt und direkt mit Menschen unterschiedlicher Kulturen interagiert. Erasmus+ hat mehr als 30 Jahre nachgewiesener Erfahrung in diesem Bereich. Es bietet erprobte Ansätze und Arbeitsmethoden, um Bedingungen zu erschaffen, die Lernenden, Lehrern und Personal das Vertrauen geben können, dass ihre Sicherheit und ihr Wohlbefinden während Studium, Praktikum, Lehraufenthalten und anderen Aktivitäten im Ausland gewährleistet wird.

  • Wir müssen die neuen Möglichkeiten im Erasmus+ Vorschlag voll ausnutzen. In dem Vorschlag für eine Verordnung zur Errichtung des neuen Erasmus+ Programms, die dem Europäischen Parlament und dem Rat von der Kommission 2018 übermittelt wurde, gibt es einen starken Fokus, das Programm inklusiver und flexibler zu gestalten und existierende Wege der Kooperation mit virtuellen zu ergänzen. Vor dem Hintergrund des Einflusses der Corona-Krise sind diese neuen Aspekte des vorgeschlagenen Erasmus+ Programms für den Zeitraum 2021-2027 wichtiger als jemals zuvor.

  • Wir müssen mit dem Rest der Welt in Verbindung bleiben. Europa darf sich nicht isolieren. Deshalb bleibt die internationale Dimension von Erasmus+ so wichtig wie zuvor. COVID-19 hält sich nicht an die Grenzen von Ländern und Kontinenten, und Wirtschaften sind auf weltweiter Ebene voneinander abhängig geworden. Da das Corona-Virus eine globale Krise hervorgerufen hat, müssen wir mit anderen Regionen der Welt zusammenarbeiten, um diesen Herausforderungen zu begegnen und eine sichere und nachhaltige Umwelt für die kommenden Jahre zu erschaffen. Erasmus+ bietet Möglichkeiten und erprobte Wege der Kooperation für diese Art globaler Zusammenarbeit.

Schlussbemerkung
Europa geht durch eine für viele noch nie dagewesene Krise. Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir zusammenhalten: #WeStandTogether.

Dieses Dokument gibt Diskussionsergebnisse wieder, die einstimmig oder mit sehr starker Zustimmung von den Bildungs-NA angenommen wurden. Es gibt nicht notwendigerweise die Meinung jeder einzelnen NA in allen Aspekten wieder.

Den Brief als Download im PDF – Format gibt es HIER.