Bildung in den Zeiten der Corona

Der Corona-Virus ist derzeit überall, wortwörtlich, metaphorisch, sinnbildlich, in jeder Interpretation des Wortes.
Informationsflut

Er breitet sich mit beeindruckender Geschwindigkeit aus und während die ganze Welt beobachtet, wie der Virus immer mehr Körper befällt, geht beinahe unter, dass er ebenso, vielleicht sogar noch mehr, auch unseren Verstand befällt. Es dürfte eine ziemliche Herausforderung darstellen, einen Radiosender einzustellen, der nicht gerade über Corona spricht, die Nachrichten einzuschalten, ohne wissenschaftlich informiert zu werden, eine Zeitung zu lesen, die nicht die absehbaren wirtschaftlichen Folgen erörtert. Die ganze Menschheit wird im Augenblick thematisch von einer einzigen Corona-Informationsflut überschwemmt… wie nicht zuletzt auch dieser Beitrag exemplarisch beweist.

Eine überwältigende Mehrheit dieser Informationen, die von Meinungen, Vermutungen, Prognosen, Wahrscheinlichkeiten bis hin zu mehr oder weniger fundierten und bewiesenen Wahrheiten und Fakten reichen, befassen sich mit den negativen Folgen des Virus, den gesundheitlichen Gefahren und Risiken, der möglichen Anzahl an Todesopfern, den wirtschaftlichen Konsequenzen sowohl für den Einzelnen als auch für ganze Länder. Dieser Fokus ist nachvollziehbar, er ist menschlich, und konsequenterweise ist er damit auch fehlerhaft oder zumindest nicht ausreichend differenziert.

Die offensichtliche Frage ist: Welche Schäden wird der Virus anrichten? Aber eine ebenso berechtigte Frage lautet: Welche Chancen bietet der Virus?

Ausgangssperre – was nun?

In Belgien und damit auch in der Deutschsprachigen Gemeinschaft herrscht aktuell eine Ausgangssperre, das öffentliche Leben befindet sich im Koma. Es ist nicht tot, es wird wiedererwachen, daran bestehen keine Zweifel. Aber ebenso wenig bestehen Zweifel daran, dass dieses öffentliche Leben derzeit auf dem absoluten Minimum existiert, gewissermaßen wie der Pulsschlag eines Komapatienten, so gerade eben noch am Leben.

In den Schulen findet kein Unterricht statt, eine jede Bildungseinrichtung hat ihre traditionellen Lernformate eingestellt. Das sind die Fakten, die uns auferlegt worden sind. Zugleich bedeutet dieser Zwang keine Alternativlosigkeit. Diese Phase beinhaltet eine Chance zur Veränderung, vielleicht sogar eine bessere Chance als sogenannte Normalität. Der Mensch verändert sich nicht gerne, denn es ist umständlich. Veränderung tritt eher ein, wenn sie erzwungen wird, und sie kann nötig sein.

Bildung geht immer!

Im Moment sitzen wir zuhause. An der Menge unserer verfügbaren Zeit hat sich nichts geändert. Insbesondere in Zeiten des Internets ist es völlig unproblematisch möglich, sich alleine und von zuhause zu bilden, auf jede erdenkliche Art und Weise. Ein Online-Sprachkurs ist ebenso denkbar wie die zumindest theoretische Erlernung eines Instruments, eine Auffrischung der Kenntnisse der Gartenpflege oder die Anhäufung von Wissen bezüglich der Weltgeschichte. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Für jeden Lernenden lautet die brutale, da unbequeme Wahrheit: man kann sich immer bilden, das Virus bietet keine Ausrede, keine Entschuldigung und letztlich nicht einmal eine Rechtfertigung.

Und was die Bildungsanbieter angeht, auch ihre Situation ist unbequem. Die traditionellen Präsenzkurse fallen zumindest vorübergehend weg, was zunächst einen Nachteil darstellt. Aber auch hier gilt, dass sich eine Chance bietet. Eigentlich verplante Zeit ist plötzlich verfügbar, die entstandenen Lücken können bis müssen gefüllt werden, Kreativität ist gefordert, um wie bisher Bildung anbieten zu können. Diese atypische Phase bietet sich geradezu an, bekannte Wege zu verlassen und Neues zu erproben, vielleicht einen bereits geplanten Versuch zu initiieren oder ein komplett neues Konzept zu erarbeiten. Fehlschlagende Versuche können nach dem Ende Coronas als Lernerfahrung abgelegt werden, erfolgreiche Versuche könnten übernommen und auch zukünftig implementiert werden.

Nach Corona ist nicht vor Corona …

Corona wird uns noch eine Weile begleiten und es wird eine erhebliche Menge an Schäden anrichten, das ist nicht wegzudiskutieren und sollte auch nicht bagatellisiert werden. Aber diese Zeit nur anhand dieser Schäden zu bemessen, macht sie nicht wett, es verringert sich nicht einmal. Das Beste, was man tun kann, ist, Erfahrungen aus dieser Zeit zu ziehen, seinen Horizont zu erweitern, Neues zu erproben und Überholtes zu verabschieden. In diesem Sinne bietet sich uns eine Chance zur Veränderung. Corona wird viel verändern, das ist nicht zu verhindern. Aber es liegt an uns, ob es nur zum Schlechten sein wird oder auch zum Guten.

Über den Autor: Cedric Dümenil arbeitet seit November 2018 in der Nationalen Agentur Erasmus+, angesiedelt im Jugendbüro der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, wo er für die Bewertung und Bearbeitung der Anträge und Projekte in den Bereichen Schulbildung, Berufliche Bildung und Hochschulbildung verantwortlich zeichnet. Neben seiner Tätigkeit im Jugendbüro studiert er darüber hinaus noch Rechtswissenschaften an der Universität Trier. In seiner dann noch verbliebenen Freizeit interessiert er sich insbesondere für Sprachen und Literatur.

Zum Beitrag auf der EPALE – Plattform geht es HIER.