Interview mit Lisa Baumgarten Beraterin bei der Dienststelle für Personen mit Behinderung

Lisa Baumgarten, Beraterin für Ausbildung und Beschäftigung bei der Dienststelle für Personen mit Behinderung

DPB -Lisa Baumgarten– Was ist dein Tätigkeitsfeld?
Ich arbeite bei der Dienststelle für Personen mit Behinderung. Als Ansprechpartner für Personen mit einer Beeinträchtigung arbeiten wir in mehreren Bereichen und bieten verschiedene Dienste an. Das ist z. B. der Dienst für materielle Hilfe, der Dienst zur Begleitung von Personen im Wohnbereich, im Freizeitbereich oder zur Begleitung von Familien mit einem beeinträchtigten Kind. Ich selbst arbeite im Startservice – das ist der Dienst, der sich mit der beruflichen Inklusion auseinandersetzt. Menschen mit einer Beeinträchtigung können sich bei uns melden und werden auf ganz unterschiedliche Weise unterstützt, z. B. eine finanzielle Unterstützung eines Betriebs oder auch eine Begleitung innerhalb des Betriebs. Letzteres bedeutet, dass ein Jobcoach vor Ort mit der Person und dem Arbeitgeber zusammenarbeitet, um die Person anzulernen, zu unterstützen und zu vermitteln, sowohl allgemein als auch wenn besondere Anpassungen notwendig sind. Dabei kann es sich um materielle Anpassungen handeln oder um strukturelle Änderungen am Arbeitsplatz. Das Ziel ist daher, durch die unterstützte Beschäftigung den Personen auf Dauer ein festes Arbeitsverhältnis zu ermöglichen. Das kann zwar im Anfangsstadium aufwendig erscheinen, allerdings ergibt sich daraus ein langfristiger Nutzen für die Person und für die Gesellschaft, menschlich und finanziell, ganz abgesehen vom inklusiven Aspekt. Es hat sich erwiesen, dass dadurch langfristige Arbeitsverhältnisse entstehen.
Der Gedanke der unterstützten Beschäftigung ist zum einen die Erarbeitung eines individuellen Berufsplans, die Suche nach einem geeigneten Arbeitsplatz, der sich an den Fähigkeiten der Person orientiert, sowie die Unterstützung und Förderung der Fähigkeiten. Zum anderen wird dabei geschaut, wie der Arbeitsplatz angepasst werden kann, um diesen Fähigkeiten zu entsprechen und das vorhandene Potenzial zu nutzen, auch in puncto Arbeitsaufteilung. Der Jobcoach dient schlussendlich auch als Vermittler bei Konfliktsituationen, sofern diese im Anfangsstadium entstehen. Bei einem integrativen Ansatz wäre man von einer vorbereitenden Qualifizierung und Anpassung ausgegangen. Die Personen werden aber üblicherweise direkt vor Ort platziert und progressiv qualifiziert. Das entspricht dem inklusiven Gedanken, da sie dadurch direkt Teil der Arbeit und des Unternehmens sind und für die Aufgaben qualifiziert werden, die in dem Betrieb benötigt werden. Jede Person hat individuelle Fähigkeiten und Voraussetzungen in verschiedenen Bereichen. Daher ist die Frage einzig: Wie können wir unterstützend wirken, um diese Person am Gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen. Das ist häufig gegeben, wenn eine Person eine Stelle findet. Es muss natürlich der Wunsch vorhanden sein, eine passende Stelle zu finden.
Es kann teilweise so laufen, dass Arbeitgeber auf uns zukommen. Es ist aber auch unsere Aufgabe, Akquise zu betreiben, zu sensibilisieren und natürlich zu informieren. Die kurzen Wege in der Deutschsprachigen Gemeinschaft können da hilfreich sein.

– Welche besonderen Herausforderungen entstehen dabei?
Eine passende Stelle zu finden, kann eine Herausforderung sein. Das gilt allerdings für jeden Menschen und betrifft nicht nur uns. Jede Person ist einzigartig, d. h. man muss sich auch auf jede Person einstellen und sie individuell beraten. Dazu muss man Abstand nehmen von seinen eigenen Werten und Vorstellungen, da diese bei jedem Menschen unterschiedlich sein können. Es ist wichtig, nicht zu werten, sondern eine gewisse Objektivität zu wahren.
Es ist dabei zusätzlich wichtig, die jeweilige Person in ihrer Selbstbestimmung zu bestärken. So muss jeder über seine Rechte und Pflichten informiert sein. Das muss so formuliert sein, dass man es versteht und imstande ist, selbst eine Entscheidung zu treffen. Die Person muss wissen, was sie machen kann und darf und wie die Konsequenzen ihrer Entscheidung aussieht.
Die Akquise von Arbeitgebern kann ebenfalls eine Herausforderung sein. Wir arbeiten aktuell mit mehr als 350 Betrieben zusammen, was auch schon ein großer Erfolg ist. Es ist allerdings nicht leicht, wenn man etwas ganz Spezifisches sucht. Vor allem bei sehr kleinen Betrieben kann Inklusion mitunter schwierig sein.

– Welche Erfolge sind für dich besonders wichtig gewesen? Gibt es Aspekte, die dir besonders Freude bereiten?
Es ist jedes Mal ein großer Erfolg für uns, wenn nach einer Qualifizierung ein Arbeitsverhältnis entsteht. Aber auch alle Schritte dorthin sind Etappen, die man bereits als Erfolge sieht. Dazu zählt auch die Akquise von Arbeitgebern.

– Wie steht es um Inklusion in der DG? Welche sind die aktuellen Entwicklungen? Gibt es Handlungsfelder, die momentan besonderer Aufmerksamkeit bedürfen?
Im Bereich Beschäftigung ist die bereits erwähnte unterstützte Beschäftigung ein gutes Instrument für Inklusion. In diesem Bereich machen wir außerdem eine Weiterbildung, die über Erasmus+ finanziert wird. Es muss hier auch erwähnt werden, dass wesentlich mehr Personen mit einer Beeinträchtigung auf dem Arbeitsmarkt integriert, als in speziell dafür vorgesehenen Einrichtungen beschäftigt sind. Überdies nimmt nicht jede Person mit einer Beeinträchtigung von unserer Seite Unterstützung in Anspruch. In anderen Bereichen – Freizeitangebote, Schulen, Wohnformen usw. – finden ebenfalls viele Entwicklungen statt. Es geschieht daher allgemein schon ziemlich viel. Es gibt sicherlich auch Entwicklungen, über die ich nicht informiert bin. Das REK erklärt, dass Vielfalt erwünscht ist, und ist dadurch in jedem Fall ein guter Motor für die weitere Verbreitung von Inklusion. Das Angebot der Dienststelle „DG Inklusiv“ ist auch eine gute Maßnahme, um Einrichtungen für das Thema zu sensibilisieren und darüber zu informieren. Es gibt auch sehr viele Schulungsmöglichkeiten, sowohl für das Fachpersonal als auch für Personen mit einer Behinderung. Dem Aspekt Selbstbestimmung wird bei den Schulungen zu Recht mittlerweile eine besondere Aufmerksamkeit zuteil, da es sich um einen wichtigen und grundsätzlichen Aspekt des Themas handelt.
Es wird mittlerweile sehr viel über Inklusion gesprochen, wenngleich wir davon noch weit entfernt sind. Aber man hat Schlüsse aus den Integrationsansätzen des letzten Jahrhunderts gezogen, wo grundsätzlich das gleiche Ziel galt, aber die Maßnahmen nicht zum gewünschten Erfolg geführt haben. Die Grundstrukturen der Gesellschaft sind schlussendlich weiterhin die gleichen und teilweise auch unflexibel. Daher musste ein neues Konzept entwickelt werden, das seither sehr viel Zuspruch gefunden hat. Der gesellschaftliche Wandel, der mit Inklusion einhergeht, braucht aber auch Zeit. Die positiven Impulse vonseiten der Politik sind da natürlich förderlich. Je früher Inklusion gelebt wird, Personen mit Beeinträchtigung in Strukturen ganz normal mit eingebunden werden und auf besondere Bedürfnisse eingegangen wird, je einfacher ist dieser Weg zu beschreiten.

– Welche Maßnahmen werden aktuell umgesetzt?
In puncto Akquise sind wir natürlich stets bestrebt, unser Netzwerk auszubauen. Vor einiger Zeit fand der DuoDay statt, der Arbeitgebern und potenziellen Arbeitnehmern mit Beeinträchtigung die Möglichkeit bot, die andere Seite kennenzulernen, Vorurteile abzubauen, Kontakte zu knüpfen, Fähigkeiten zu demonstrieren und unsere Maßnahmen kennenzulernen. Vorurteile müssen dabei nicht in ihrer negativsten Form vorkommen. Oft besteht schlicht eine Ungewissheit, wie man mit manchen Situationen umgehen soll. In Bezug auf Kommunikation kann es da viele Fragen geben. Es ist daher gut, wenn je nach Bedarf ein Jobcoach für einige Zeit zugegen ist, der einen korrekten Umgang direkt vorlebt. Wenngleich es einen gewissen Fokus gibt, sind wir aber eigentlich stets dabei, Verbesserungen für Personen mit einer Behinderung zu erreichen und haben dabei alle Menschen im Blick.
Ein Aspekt, der bei Inklusion oft nicht wahrgenommen wird, sind psychische Erkrankungen. Für Menschen mit fortwährenden bzw. chronischen psychischen Erkrankungen kann durch diese auf Dauer eine Funktionseinschränkung bestehen, die für das tägliche Leben behindernd sein kann. und benötigen ebenfalls Unterstützung am Arbeitsplatz oder für die Arbeitssuche. Um auf diesen Bedarf gründlicher eingehen zu können, werden in den nächsten Jahren ebenfalls neue Maßnahmen benötigt. Denn die Menschen sind da und die Tendenz für diese Erkrankungen ist steigend.

– Welche Maßnahmen werden für die Zukunft in Betracht gezogen?
Ein wichtiges Thema des Regionalen Entwicklungskonzepts (REK) ist die Sensibilisierung des Themas „Hörschädigung“. Ende 2016 organisieren wir daher eine Veranstaltung zu diesem Thema. Da werden wir darüber informieren, welche Hilfsmittel es in dem Bereich gibt und erörtern, welche Vorkehrungen Menschen mit einer Hörschädigung benötigen sowie welcher Bedarf allgemein besteht. Dieser Bedarf ist meines Erachtens bemerkbar, daher bin ich froh, dass das Thema im REK vorgesehen ist. Es gibt keine spezifischen Angebote in der DG für Menschen mit Hörschädigung, was der Tatsache geschuldet ist, dass man in einer überschaubaren Gemeinschaft wie der unseren nur schwerlich auf einzelne Zielgruppen mit umfangreichen Maßnahmen eingehen kann. Wir müssen daher in manchen Fällen auf Unterstützung von den Nachbarregionen zurückgreifen. Im Umgang mit gehörlosen Menschen sind wir auf Dolmetscher angewiesen, da nur wenige Menschen die Gebärdensprache beherrschen. Das sieht in der Dienststelle für Personen mit Behinderung nicht anders aus. Menschen mit einer Hörschädigung können stundenweise einen Dolmetscher zur Verfügung gestellt bekommen und diese Dienstleistung ist nicht auf den Arbeitsplatz beschränkt. Darauf wird jedoch selten zurückgegriffen. Das wäre zum Beispiel ein Aspekt, den es auf der besagten Veranstaltung zu hinterfragen gilt. Natürlich ist dabei nicht das Ziel, einen Dolmetscher auf Dauer zusätzlich am Arbeitsplatz zu beschäftigen, sondern punktuell eine Hilfe zu bieten, und zwar vor allem am Anfang. Dabei sollte man wissen, dass es eigentlich zu wenige Dolmetscher gibt und diese Unterstützung deshalb gut geplant sein muss.

– Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen können mitunter sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben. Ist es schwierig, auf alle Aspekte einzugehen?
Wenn wir bei dem Fall Hörschädigung bleiben, dann ist es beispielsweise so, dass man hinsichtlich des Bedarfs nicht verallgemeinern kann. Es gibt ganz unterschiedliche Arten von Hörschädigung und es macht auch einen Unterschied, in welchem Lebensalter diese Beeinträchtigung auftritt. Schlussendlich ist da jeder Mensch anders und das gilt für alle Bereiche. Aufgrund der überschaubaren Größe der DG kann es schwierig sein, spezialisierte Angebote für alle Aspekte von Inklusion bereitzustellen. Andererseits sind die kurzen Kommunikationswege hier ein klarer Vorteil zum Aufbau und Erhalt eines Netzwerks sowie auch zur Lösungsfindung.

An dieser Stelle recht herzlichen Dank für deine Erläuterungen und deine Sicht zu dem Thema Inklusion und viel Erfolg in deiner weiteren Arbeit.

dpb